Lässt Du wahre Nähe zu Dir selbst und zu den Dir nahestehenden Menschen zu?

Über Nähe und das, was sie uns schenkt!

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 21 Mai 2015

„Mit Menschen, die uns besonders nahestehen, müssen wir uns ganz besonders auseinandersetzen“

Lasse diese Worte einmal einen Moment wirken. Auf wen beziehen sich diese Worte? Nicht nur auf Dein Gegenüber, sondern ebenso auf Dich! Tun wir uns mit Menschen, die uns sehr nahestehen, wirklich ganz besonders auseinandersetzen? Oft ist es so, dass wir gerade die Menschen, die uns am nächsten stehen, genau zu kennen glauben! Ebenso können wir uns genau damit durch und durch täuschen. Kennst Du einen häufigen Vorwurf von Paaren, deren lange Beziehung zu Ende ist: „Du kennst mich doch gar nicht wirklich“ Leider ist dieser Vorwurf oft auch wahr.

Und dann ist da noch der Mensch, mit dem Du auf der Erde bisher am meisten Zeit verbracht hast – Du selbst.
Sicher kennst Du Dich in Deinen Alltagsrollen. Doch ist das alles von Dir? Wie ist es mit Dir außerhalb dieser Rollen und den tagtäglichen Ablenkungen? Kennst Du Dich wirklich? Dich mit all Deinen Sehnsüchten, Verletzungen, Wünschen, Stärken, Schwächen, Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten? Lässt Du wahre Nähe zu Dir selbst wirklich zu und kannst Du diesen Men- schen dann aushalten? Oder bist Du viel besser darin, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen, um über Dich selbst
nicht nachdenken zu müssen? Meidest Du es, Dir selbst zu begegnen? Meidest Du Stille oder Alleinsein?
Lenkst Du Dich ab, wenn sich Dein Inneres mit Unruhe, Angst oder Schmerz meldet?

Es macht Sinn, sich ein paar Minuten mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Warum kennen wir nahe stehende Menschen oft nicht? Vielleicht weil wir, um den Alltag zu meistern, unsere Annahmen über den anderen nicht ständig überprüfen? Weil wir unbewusst dazu tendieren, immer etwas in andere hineinzuprojizieren und das eben aus Gewohnheit und Bequemlichkeit oder auch aus Unwissenheit heraus bei unseren Lieben gar nicht mehr hinterfragen? Es ist eben einfacher, Menschen in Schubladen zu packen und mit einer Etikette zu versehen. Zu den größten Ängsten, die wir im Leben haben, gehört die Angst vor Nähe. Nähe heißt, sich mit einem anderen Menschen innerlich zu verbinden, all Deine Blockaden, Überlegungen und Ängste zu überwinden und zu Tiefe zu gelangen. Unter dem Strich gibt es letzten Endes nur zwei große Gefühle: Liebe und Angst.

Beides zusammen kann nicht existieren. Angst verhindert alle positiven Gefühle, die durch Liebe entstehen. Wenn zwei Menschen sich besonders nahe kommen, entsteht entweder intime Liebe oder Angst vor Nähe. Diese intime Liebe ist alles, was wir uns jeh gewünscht haben und doch haben wir plötzlich Angst vor diesen großen Gefühlen und davor, dass wir uns selbst verlieren könnten, wenn wir uns mit diesem Menschen innerlich und äußerlich verbinden. Je höher die Bedeutung, desto größer die Angst vor dieser Nähe, desto größer auch das Potenzial für tiefe Verbundenheit und Glück. Wenn Angst vor Nähe besteht, wird z.B. Unzufriedenheit oder Untreue zur unbewussten willkommenen Ausrede, um weitere Nähe zu verhindern.

Derjenige, der plötzlich unzufrieden ist, wird untreu oder lenkt sich z.B. durch andere Aufgaben oder wichtige Probleme ab, verhindert dadurch, dass der Partner zu große Bedeutung erlangt und kann die Beziehung leichter beenden. Er befindet sich wieder in sicherer Distanz. Manchmal ist es auch nicht die Angst vor Nähe zum Partner, sondern die Angst vor Nähe zu uns selbst, die wir in einer Beziehung scheuen. Wir können den Spiegel nicht aushalten, den uns der Partner immer und immer wieder unbewusst vorhält. Immer, wenn wir uns wütend, ärgerlich, enttäuscht, frustriert oder abgestoßen fühlen, erzählt uns das etwas über uns selbst. Der Partner berührt immer wieder bewusst oder unbewusst wunde Stellen in uns, die noch der Heilung und Zuwendung bedürfen.

Somit sind „Stellvertreterthemen“ willkommen.
Wir brauchen uns so unserer tatsächlichen Angst nicht zu stellen und schieben die Gründe für das „Aus“ auf eine andere Ebene. Dabei liegt gerade im Überwinden der Angst durch Nähe und Auseinandersetzung die Heilung. Wir gehen weiter, gehen aufeinander zu, öffnen uns, teilen uns mit und wir wachsen. Diese neue Erfahrungsebene miteinander führt dazu, dass irgend- wann alle vorherigen Befürchtungen verschwinden. Dein innerer Krieg, den wir als Unabhängigkeit tarnten, wird beendet, weil alle Gefühle von Misstrauen und Enge plötzlich in Luft aufgelöst sind. Der unbesiegbare Feind liegt friedlich schlafend neben
uns und unser Herz ist geheilt.

Warum entfernen wir uns noch von den Menschen, die uns nah sind? Möglicherweise spielt auch der leider so häufig eintre- tende langsame Respektverlust eine Rolle? Denn während wir zu Beginn einer Partnerschaft noch Leidenschaft spüren und den anderen regelrecht auf Händen tragen, geschieht es doch nach einer gewissen Zeit häufig, dass wir zu anderen Menschen viel freundlicher und nachsichtiger sind, als mit unserem Lebenspartner oder sogar mit uns selbst. Achte einmal darauf, wie Du z.B. mit Deinem Partner, Deinen Eltern oder Kindern umgehst. Erwischt Du Dich vielleicht auch dabei, dass Du Arbeitskollegen, Kunden oder andere Menschen viel nachsichtiger behandelst?

Wie ist es mit Dir? Gehst Du mit Dir achtsam um oder kritisierst Du Dich ständig? Wie streng und herabwürdigend bist Du mit Dir selbst? Lässt Du Dir Raum für Veränderung und Überraschung oder bist Du nicht bereit, einen einmal gewonnen Eindruck über Dich (z.B. Gewohnheiten, Erfahrungen, Leistung, Schwächen, Aussehen, Erfolg oder Möglichkeiten) zu revidieren? Wir werden uns der Menschen, die uns nahe stehen, über die Zeit immer „sicherer“. Wir machen uns nicht klar, dass wir auch sie verlieren können. Und so geben wir uns weniger Mühe mit ihnen (was meist unbewusst geschieht). Wir sind uns unserer Gesundheit auch sehr häufig zu sicher und denken, dass alles so weiter läuft, obwohl wir nachlässig mit uns sind.

Wir sollten uns bewusst werden, wie wertvoll und kostbar wir selbst und die Menschen sind, die uns nahe stehen. Es lohnt sich, sich genau das immer wieder klar zu machen. Es lohnt sich, Nähe zuzulassen. Sie ist manchmal zwar ein radikaler, ehrlicher und schmerzhafter Lehrer, aber sie beinhaltet gleichzeitig das größte Geschenk, was wir uns und anderen machen können: eine tiefe, aufrichtige und intime Liebe und „Ver-Bindung“.

Bindungsangst beinhaltet immer die Angst, sich selbst zu begegnen und wahre Liebe zu erfahren. Schau einfach wieder einmal genau hin und erkenne das Schöne, Geheimnisvolle, das Einzigartige und das Kostbare in Dir, Deinem Partner, Deinen Eltern oder Kindern und Freunden. Schaue auf das, was diese Menschen für Dich liebenswert werden lässt. Lasse sie das spüren.

Erkenne in Deiner Angst, Wut oder Enttäuschung Deinen eigenen Spiegel und Deine Entwicklungsfelder. Gehe genau dorthin, wo Du Angst, Unsicherheit und inneren Widerstand spürst, denn dort liegen die größten Schätze …

Headerbild © Robert Kneschke (Fotolia)
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Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

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