So werde ich bei Trauer oder Verlust mit meinen Gefühlen fertig!

Trauer und Verlust – mit Gefühlen fertig werden

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 11 September 2014

Wer kennt es nicht: wir verlieren einen lieben Menschen durch Tod, Trennung, Streit oder andere Umstände. Verlust kann sich aber auch auf ein Tier beziehen oder einen Arbeitsplatz bzw. einen Wohnort, den wir besonders lieb gewonnen haben. Dann beginnt für uns ein langer Weg bis zur Bewältigung dieses Verlustes, der häufig Schmerz, Leere, Ängste und andere emotionale Schwierigkeiten mit sich bringt. Trauer bezeichnet einen emotionalen Zustand. Es ist ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, eines Mangels an Lebensfreude (kurzzeitig oder länger andauernd) oder eines seelischen Rückzugs. Wir können uns nicht vorstellen, dass das Leben jemals wieder bunte Farben für uns malen wird.

Es gibt 4 Phasen der Trauer (4-Phasenmodell nach Verena Kast), die wir alle durchlaufen. Jede einzelne Phase kann Wochen bis Jahre dauern. Das ist abhängig von der Intensität und Bedeutung des Verlustes und zusätzlich von anderen inneren Mustern, die wir haben, unserem Selbstwertgefühl und unser persönlichen Sicht auf die Welt. Die verschiedenen Phasen wirken sich auf unterschiedliche Bereiche unseres „Selbst“ aus: Gedanken, Gefühlen, Verhalten und Körper.

Phase I: Nicht-Wahrhaben-Wollen: Schock und Verleugnung

Die erste Phase ist gekennzeichnet durch Verleugnung und Ignorieren. Häufig sind Gefühle des Schocks da. Wir können/wollen es nicht akzeptieren verhalten uns wie Roboter oder glauben, alles sei wie ein böser Traum, aus dem wir nach einiger Zeit nur zu erwachen brauchen und alles sei wieder in Ordnung. In dieser Phase kommen wir innerlich mit der Tatsache nicht zurecht, nehmen sie nicht an und flüchten davor. Wir unterdrücken die Gefühle und betäuben uns.

Phase II: Aufbrechende Gefühle

Diese Phase ist gekennzeichnet durch starke Gefühle, Orientierungslosigkeit, Ruhelosigkeit und Stimmungsschwankungen. Das Gewitter hat uns voll erreicht. Es blitzt und donnert laut und schrecklich und der Platzregen erfasst uns. Gefühle der Angst, Wut, Verzweiflung, Selbstvorwürfe und Selbstzweifel wechseln sich ab. Manche Menschen bekommen auch Panikattacken und glauben, das alles nicht aushalten zu können. Eventuell setzt die Suche nach einem oder mehreren „Schuldigen“ ein (Partner, Ärzte, Pflegepersonal). Daneben treten körperliche Beschwerden auf wie z.B. Schlaf-, Merkfähigkeits-, Konzentrations- und Appetitstörungen. Ich kenne auch Menschen, die in dieser Phase innerhalb kurzer Zeit massiv Gewicht verlieren.

Entscheidend für den Verlauf der Phase II ist, wie intensiv die Beziehung zu dem „Verlorenen“ war und ob Probleme/Fragen besprochen werden konnten oder ob noch etwas offen geblieben ist. Wenn es kleinen klaren Abschluss gab, bleiben manche Menschen auf dieser Stufe sehr lange stehen. Sie drehen sich immer wieder im Kreis. Wenn Wut oder Aggression nicht zugelassen wird aufgrund von Selbstvorwürfen, gelangen wir nicht in die nächste Stufe. Die Folge können Depressionen sein. Das gleiche kann geschehen, wenn der „Verlassene“ sich noch lange oder immer wieder Hoffnungen macht, die nicht von Erfolg gekrönt sind. Er kann die Trauer und den Prozess des „Loslassens“ nicht einleiten, ist zerrissen und zerbricht daran irgendwann, wenn er nicht aussteigt.

In der Phase II sind wir oft mit unseren Gefühlen überfordert. Das kann jedem Menschen (egal, ob stark, schwach, intelligent, weniger intelligent, reich, arm, jung oder alt) passieren. Verdrängen oder abspalten ist keine hilfreiche und gesunde Alternative. Viel besser ist es, ALLE Gefühle und Reaktionen zuzulassen und zu erleben. Hierbei kann ein Therapeut oder Coach sehr gut helfen, indem er einen Anlaufpunkt für den Schmerz und die Gefühle bietet und einfach „da“ ist. Angehörige und Freunde sind mit dieser Rolle oft überfordert.

Phase III: Neuorientierung, sich trennen

Die dritte Phase ist bestenfalls dadurch gekennzeichnet, dass wir unser Leben schrittweise wieder aktiver in die Hand nehmen und eine Zukunftsperspektive sehen. Wir suchen Erinnerungen und verarbeiten sie. Die Energie kehrt zurück. Wir kommen in Bewegung und lassen Stück für Stück den Schmerz los. Das Gewitter zieht durch. Es donnert noch ab und zu im Hintergrund. Der Verlorene wird bestenfalls für den Trauernden zu einem „inneren Begleiter“, im schlechteren Fall zu einem „Gespenst“, das weiterhin nicht gehen darf und den Zurückgelassenen einsam macht, weil alte Zeiten und Vorstellungen kultiviert werden.

Bei einer Trennung kann es hier sehr hilfreich sein, die ungelösten Fragen zu klären. Bei Verlust durch Tod sollte Schritt für Schritt ein innerer und/oder äußerer Ort des Trauerns geschaffen werden, damit die Vergangenheit vergangen sein kann. In Phase III kann ein Coach oder Therapeut Klärungsprozesse unterstützen und Perspektiven aufzeigen.

Phase IV: Neues Lebenskonzept

Wir haben wieder ein inneres Gleichgewicht erreicht. Das Gewitter ist vorbei. Wir haben uns ein neues Lebenskonzept und neues Selbstvertrauen erarbeitet. Wir können uns frei für ein neues Leben entscheiden. Nicht bleibt wie es ist! Das haben wir jetzt begriffen und angenommen. Neue Beziehungen, neue Ideen, neue Einsichten, neue Rollen, neue Verhaltensmöglichkeiten, neue Lebensstile können möglich werden. Wir haben gelernt und sind uns sehr nahe gekommen, weil der Schmerz uns dazu gezwungen hat, in den letzten Winkel unseres Herzens zu blicken. Wir wissen, dass Verluste schlimm sind, dass wir sie aber überstehen können.

Haben wir die zweite und dritte Phase nicht wirklich durchlebt, können wir zwar ebenso weitermachen, schleppen aber schweren inneren Ballast mit uns, der früher oder später wieder aufbricht und uns in die Knie zwingt. Auch wenn die einzelnen Phasen sich nicht immer eindeutig voneinander trennen lassen und es auch immer einmal wieder Rückfälle in eine frühere Phase gibt, so ist das Wissen darum dennoch hilfreich für uns: Wir sind nicht so stark verunsichert oder irritiert von unseren Gefühls- und Körperreaktionen (viele glauben nämlich, verrückt oder krank zu sein und verurteilen sich für ihre Reaktionen), wir sehen, dass es ein Leben „danach“ gibt.

Was kannst Du also tun, wenn Du einen Verlust erlebst? Mache Dir die 4 Phasen bewusst, durchlebe sie und habe das Bewusstsein, dass es Hoffnung gibt. Das Gewitter wird durchziehen, wenn Du Dich ihm stellst! Du hast einen besonders schmerzlichen Verlust erlebt? Setze Dich nicht unter Druck! Abhängig von Persönlichkeit, Alter, Lebenskonzept, Ausmaß der Veränderung und der Unterstützung von außen solltest Du Dich meist jedoch auf einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren einstellen, bis Du ein neues Lebenskonzept und ein neues inneres Gleichgewicht erreicht hast. So sieht es aus! Bitte verlange also nicht von Dir, so zu „funktionieren„, als ob nichts geschehen wäre. Es ist absolut normal, dass Du im Augenblick aus dem Gleichgewicht bist.

Dein Körper muss mit Essstörungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Unruhe, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen usw. reagieren, weil Du ihm signalisierst, dass Du Dich in „ernster Gefahr“ befindest. Dein altes Lebenskonzept hat sich in Luft aufgelöst. Deine Gefühle und Körperreaktionen sind absolut angemessen. Erlaube Dir zu weinen und Dich zu bedauern. Jede Träne, die Du wegdrückst, vergrößert Deinen inneren See der Depression. Jede Träne, die geweint wird, brauchst Du kein zweites Mal weinen. Höre Musik, bei der Du Dich berührt und bewegt fühlst. Schreibe Deine Gedanken und Gefühle auf oder drücke sie in selbst gemalten Bildern aus. Verarbeite das, was in Dir vorgeht. Lebe zunächst von Tag zu Tag. Nur das!

Du musst Dich noch nicht nicht gut fühlen, nur klar kommen. Du wirst oft sehr müde und kraftlos sein, ruhe Dich aus. Auch wenn es Dir noch schwer fällt, versuche auf einigermaßen gesunde Ernährung zu achten. Dein Körper braucht sie gerade in einer solchen Stresssituation. Verzichte auf das Rauchen und viel Alkohol, das hilft nur kurzzeitig. Versuche, körperliche Bewegung in den Alltag einzubauen. Diese hilft, sowohl Anspannung und Wut abzubauen als auch Depressionen zu überwinden. Es braucht kein Sport sein, ein Spaziergang reicht.

Hole Dir professionelle Unterstützung für diesen Prozess. So kannst Du einen roten Faden finden und wertvolle Tipps erhalten. Gehe Schritt für Schritt durch das Gewitter! Du besitzt bereits alle Fähigkeiten, ein neues Lebensmodell zu entwickeln und Du kannst sie aufdecken und neue Energie zurückgewinnen …

Headerbild © Hikrcn (Fotolia)
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Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

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