Welches Verhalten hilft für einen besseren Umgang mit schwierigen Kindern?

Hilfreiches Verhalten für den Umgang mit schwierigen Kindern

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 30 November 2015

Du wünscht Dir eine bessere Beziehung mit deiner Tochter, deinem Sohn oder einem jungen Menschen, der Dir sehr nahe steht? Wachsen Dir die Streitereien über den Kopf? Kannst du Dich schlecht durchsetzen oder kämpfst ständig darum, dass Deine Vorstellungen ernst genommen werden?

Du möchtest die Kommunikation verbessern, Verständnis erzeugen, mehr Einigung, Einsicht oder gegebenenfalls eine Verhaltensänderung erzeugen? Gerne gebe ich Dir Anregungen dazu, was du dafür tun kannst, denn es ist zunächst sehr wichtig, bei Dir selbst anzufangen und dem, was DU aussendest. Alle Verhaltensweisen sollten konstant, dauerhaft und wiederkehrend angewendet werden, damit das Kind die Möglichkeit hat, sich innerlich darauf „einzustellen“.
Nur so kann eine Wirkung und Verhaltensänderung erzielt werden.

Dein Kind reagiert mit Abwehr oder Aggression? Aggressives oder abwehrendes Verhalten geschieht häufig aus innerer Unzufriedenheit und dem Gefühl von Ablehnung oder Minderwertigkeit (dem Gefühl „nicht dazuzugehören“ oder Mängel zu besitzen und/oder einem instabilen Selbstwertgefühl). Du kannst das Selbstbild des Kindes durch Dein Verhalten gezielt verbessern, soziale Verhaltensweisen fördern und das Vertrauen stärken.

Bedingungslose Wertschätzung und Liebe
Bedingungslose Wertschätzung eines Menschen ist wie der Name schon sagt nicht an „Bedingungen“ geknüpft. Sie bedeutet, den anderen als eigenständigen Menschen zu respektieren in seinen Stärken und Schwächen: Du bist wertvoll, weil Du wertvoll bist! Du brauchst es nicht beweisen! Ich liebe Dich genau so, wie Du bist. Diese Wertschätzung kann sowohl durch Worte, als auch durch körperliche Signale (in den Arm nehmen usw.) erfolgen. Ebenso kann man durch Aufmerksamkeit, Zeit oder angemessene Reaktion z.B. im Falle eines „Fehlers“, einer schwierigen Situation (z.B. sehr schlechter Note, Liebeskummer) oder einer Lüge (verzeihen können) dieses Gefühl vermitteln.

Es geht hier nicht um Lob einer positiven Aktivität sondern um Vermittlung eines „Urvertrauens“ oder „Basisgefühls“ der bedingungslosen Liebe. Bedingungslose Wertschätzung bewirkt Selbstvertrauen und letztendlich Selbstverantwortung. Wir geben dem jungen Menschen einen inneren Schatz, den er dadurch spüren kann und auf den er immer eine Möglichkeit hat, zurückzugreifen (innere Rückfallebene).

Einfühlungsvermögen und aufrichtige Empathie zeigen
Einfühlendes Verstehen bedeutet, sich für den anderen zu interessieren und ihn ernst zu nehmen. Du verlässt Deinen Standpunkt und begibst Dich in die Welt des Kindes. Du lässt die Gefühle des anderen zu, akzeptierst sie und spürst sie nach. Es bedeutet nicht, dass Du immer alles für richtig empfinden musst, was Dein Kind tut oder meint. Es bedeutet vielmehr, dass Du die Beweggründe und Bedürfnisse ernst nimmst und Dich dafür interessierst, auch, wenn Du das Verhalten oder die Strategie nicht akzeptieren kannst.

Echt sein und Kongruenz
Echtheit bedeutet die Übereinstimmung zwischen Deinem Verhalten und Deinen Aussagen, zwischen Deinem Äußeren und Inneren. Sei das, was Du erzählst. Echtsein bewirkt eine offene, nicht getäuschte Beziehung, es entsteht Vertrauen und Sicherheit. Stehe zu Deinen Schwächen und Fehlern. Gebe nichts vor, was Du nicht auch so fühlst. Stehe zu Deinen Aussagen und ändere nicht sprunghaft aus einer Laune heraus, Stress oder Wut Dein Verhalten. Tue das, hinter dem Du wirklich auch stehst und positioniere Dich klar mit Deiner Haltung und Deinen Werten. Gehe verantwortlich mit Aussagen um und versetze Dich in die Zeit, als Du selbst so jung warst. Finde Deine eigene Positionen und orientiere Dich nicht an anderen, die das angeblich alles besser machen.

Absprachen und feste Rituale
Kinder brauchen Stabilität. Wenn Kinder genau wissen, was sie erwartet, dann bietet ihnen dieses Wissen Sicherheit. Es sollten nicht nur die Aufgaben/Abläufe erklärt, sondern auch das erwartete Verhalten konkret und unmissverständlich angesprochen werden. Das gibt Dir auch die Chance, die Einhaltung der Anforderung zu loben, statt Fehlverhalten zu kritisieren. Immer wiederkehrende, gleich bleibende Rituale im Zusammenleben tragen zur Berechenbarkeit der Situation bei, vermitteln Kindern Sicherheit und machen die Erwartungen an das Verhalten deutlich (Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Kommunikation, Umgang mit Medien, regelmäßige Aufgaben).

Lob
Kinder brauchen Lob für wünschenswertes Verhalten. Gebote satt Verbote! Oftmals stellen wir Regeln als Verbote auf und müssen dann Kinder, die sich nicht daran halten kritisieren. Wenn Du Regeln als Gebote aufstellst, kannst Du deren Einhaltung loben. Dosiere das Lob angemessen und mache es konkret. Manche Kinder haben wenig Selbstvertrauen oder ein negatives Selbstbild. Diese Kinder vertragen dann oft kein Lob, weil sie das Lob als Lüge auffassen: Ich kann doch nichts, wie kann ich dann gelobt werden? Lasse hier zunächst das Lob ganz beiläufig fallen und schaffe positive neue Denkmuster.
Bestärke Dein Kind und mache ihm seine Stärken bewusst.

Regeln und Grenzen
Regeln sollen Verhaltenssicherheit vermitteln, Zusammenhalt schaffen und Grenzen deutlich machen. Eine Regel soll als Gebot, nicht als Verbot formuliert sein. Verwende möglichst kein „nicht“, „soll“ oder „muss“. Eine Regel beschreibt einfach, kurz und genau das erwartete Verhalten. In einer Regel wird das erwünschte Verhalten beschrieben, nicht das unerwünschte. Eine Regel ist persönlich („ich“ statt „man“). Eine Regel wird nicht spontan oder als Bestrafung eingeführt, sondern mit Ruhe und Bedacht ausgewählt. Jedes Einhalten der Regel wird gelobt, damit ein positiver Kreislauf erreicht wird. Auf einen Regelverstoß wird zeitnah reagiert und eindeutig Position bezogen. Jede Reaktion auf einen Regelverstoß ist ruhig, transparent, begründet, angemessen und konkret: es wird eingeschritten, Verhalten und Auswirkungen werden deutlich gemacht,
die Konsequenz folgt, Alternativen werden aufgezeigt (was wäre besser gewesen?)

Grenzen dienen zur Orientierung. Setze eine Grenze unmittelbar, konsequent und souverän. Suche dabei Blickkontakt, spreche mit fester Stimme und rechtfertige Dich nicht. Verleihe Deiner Aussage mit Entschlossenheit Nachdruck, wenn keine Reaktion erfolgt. Bleibe ruhig, bestimmt und selbstsicher. Sei geduldig. Es geht um das unangemessene Verhalten des Kindes und nicht um seinen Wert. Bleibe deshalb sachlich und zeige Konsequenzen auf. Konsequenzen sind keine Strafen. Strafen erzeugen Negativität und verhindern Einsicht, weil sie einen Machtkampf ausdrücken. Konsequenzen beziehen sich auf das
Verhalten und sind wohlüberlegt und angekündigt. Hier kann Einsicht erfolgen.

Klärende Gespräche
WOZU anstatt WARUM! Wenn ein Konflikt entstanden ist, sollte er angesprochen werden. Die Frage nach dem Warum (warum hast du das gemacht?) ist wenig hilfreich, weil das Kind sie nicht wirklich beantworten kann. Es folgen oft Schuldzuweisungen oder vorgeschobene Gründe. Diese Frage sucht nach Schuld und nicht nach Lösung. Schuldgefühle sind schlechte Motivation für eine wirkliche Verhaltensänderung. Selbst, wenn es Einsicht gibt (siehst Du ein, dass das schlecht war?), reicht diese oft nicht zur Kontrolle des Verhaltens in Zukunft.

Die Wozu-Frage ist effektiver (Wofür war das gut? Was wolltest Du erreichen?). Erarbeite gemeinsam mit dem Kind neue Alternativen, indem Du zunächst den Ablauf und die Situation aus den Augen des Kindes noch einmal rückbetrachtest, Ängste und Emotionen verstehst und dann nach einer Lösung suchst, die beide akzeptieren können. Ein klärendes Gespräch kann nur in Ruhe und nicht in aufgeheizter Emotion erfolgen.

Zu Fehlern stehen
Auch Eltern fallen aus der Rolle! Wenn es durch ein provokantes Verhalten dazu kommt, dass Du aus der Rolle fällst, dann entschuldige Dich dafür und begründe, wie es dazu gekommen ist. Stehe zu dem Fehlverhalten und sage deutlich, was in diesem Falle angemessener gewesen wäre. Trotzdem hat das natürlich keine Auswirkungen auf das Fehlverhalten des Kindes und die dazu folgenden Konsequenzen. Du signalisierst aber, dass Du ein Mensch bist, der ebenso sensibel und verletzbar ist und stellst Dich nicht als „Überfigur“ schwebend über das Kind.

Feedback
Besonders bei Jugendlichen eignet sich regelmäßiges Feedback. Gezielte Rückmeldungen dienen dazu, die Selbstwahrnehmung des Feedback-Empfängers zu verbessern und sein zukünftiges Verhalten zu beeinflussen. Feedback ist in Beziehungen ein sehr wirksames Instrument zur Verbesserung der Kommunikation und zur Vermeidung von Missverständnissen. Ein Feedback ist eine unbewertete Rückmeldung zu einem Verhalten. Es ist konkret, sachlich und enthält ausschließlich die Beobachtung bzw. Wirkung ohne die persönliche Meinung.

Wenn Du die Inhalte konsequent als neues Verhalten im Umgang mit Deinen Kindern integrierst, wirst Du erstaunt sein, wie sich nach einiger Zeit Eure Beziehung verbessert und die stressigen und konfliktbeladenen Situationen weniger werden oder sich schneller auflösen

Headerbild © Kmiragaya (Fotolia)
Download Link für diese Inspiration zum Ausdrucken im PDF Format

Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

Kommentare

  1. Echt sein und Kongruenz
    Echtheit bedeutet die Übereinstimmung zwischen Deinem Verhalten und Deinen Aussagen, zwischen Deinem Äußeren und Inneren. Sei das, was Du erzählst. Echtsein bewirkt eine offene, nicht getäuschte Beziehung, es entsteht Vertrauen und Sicherheit. Stehe zu Deinen Schwächen und Fehlern. Gebe nichts vor, was Du nicht auch so fühlst. Stehe zu Deinen Aussagen und ändere nicht sprunghaft aus einer Laune heraus, Stress oder Wut Dein Verhalten. Tue das, hinter dem Du wirklich auch stehst und positioniere Dich klar mit Deiner Haltung und Deinen Werten. Gehe verantwortlich mit Aussagen um und versetze Dich in die Zeit, als Du selbst so jung warst. Finde Deine eigene Positionen und orientiere Dich nicht an anderen, die das angeblich alles besser machen.

    Liebe Brigitta
    Habe ich alles verstanden und aufgenommen.
    Aber was mache ich, wenn meine 50.jährige Tochter keine *konstruktive Kritik* annimmt?
    Ich habe ihr ein Gespräch angeboten ohne Kritik, Aggression, Vorwürfe, Erwartungen, sie spiegelt nur sich selber. Ihren Meinung, wieso kann man nicht alles so stehen lassen wie es ist. Wieso (ich ihre Mutter) musst du alles begründet haben, nennt das sogar bla bla bla.Eine Mutter spricht kein bla bla bla sie benimmt sich wie eine *Pubertierende*. Ich (die Mutter) eher sensibel, verletzbar, nicht ohne Grund…

    Meine Tochter schreibt seit Jahren die liebevollsten Muttertags-Gedichte. Wir hatten eigentlich nie Differenzen oder Streit. Seit meine Tochter 14. ist, war nur ICH die alleinerziehende. Immer für meine Kinder da, ohne Erwartungen, weil ich sie liebte!! Ich ermöglichte ihr viele Kultur-Reisen mit mir, Theaterbesuche, damit sie den Zugang immer mit warmen Händen, ohne Erwartungen……….

    Seit Jahrzehnte, hat sie ihren Geburtstag immer bei (meiner Familie in Deutschland gefeiert). Ich habe es akzeptiert, dachte es solle ein Bedürfnis ihrerseits sein, habe ihr das auch (liebevoll) gesagt. Sie ist nicht verheiratet, keine Kinder und lebt seit 1 1/2 Jahren in einer guten Beziehung. Darüber bin ich sehr glücklich!!

    Dann letztes Jahr kam ein böses Erwachen; Sie feiert ihren Geburtstag wo sie will, und wann sie will. :zur Tochter; ich werde in 3 Jahren 80. darauf antwortete Sie: und ICH 50. und muss mich nicht belehren lassen. Vor 2 Jahren war ich das 1. x mit ihr bei einer Psychologin, nie, nie mehr, mir ging es nachher schlechter als vorher. Unsere Differenzen, sage ich mal, fing so ungefähr vor 2 1/2 Jahren an. Ich schenkte ihr damals auch das Buch *Gewaltlose-Kommunikation*bin sicher sie hat nie darin gelesen.

    Liebe Brigitta, jetzt habe ich meinen Herzschmerz etwas erleichtert, ich werde anschliessend zu meinem Hausarzt gehen, mit ihm die Situation besprechen. Meine allerbeste über 30. jährige Freundin ist meine *Psychologin* engste Vertraute Seelentrösterin …

    Danke vielmals, dass ich mich bei Ihnen aussprechen konnte

    Herzliche Grüsse
    Sieglinde Ruppenstein

Teile deine Gedanken und Kommentiere meinen Blickwinkel ...