Warum manche Menschen immer Zeitprobleme haben und vor oder nach der vereinbarten Zeit erscheinen!

Warum sind manche Menschen eigentlich ständig unpünktlich?

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 23 Oktober 2014

Wer kennt das nicht? Die Besprechung fängt um 11:00 an. 10 Personen nehmen teil: 2 Personen warten schon um 10:45 vor der Tür und kennen die Agenda auswendig, 5 Personen sind pünktlich um 11:00 da, 2 Personen kommen hastig 3 Minuten zu spät und 1 Person kommt 25 Minuten zu spät und murmelt wichtige Gründe. Warum ist das so? Und warum sind es immer fast die gleichen Personen, die unpünktlich kommen?

Warum gibt es Menschen, die ständig verschlafen und andere, die nie verschlafen? Warum kommen wir immer wieder zu spät, obwohl uns das sogar ärgert?

Die Zeit ist eine wichtige Orientierung in unserer modernen Gesellschaft. Wir sind zeitlich durchgeplant und müssen selbst private Verabredungen planen wie einen Termin. Und doch ist Zeitmanagement selten die Ursache für Zeitprobleme. In meinem Beispiel oben lassen sich 3 Gruppen der „Unpünktlichen“ erkennen. Verhaltensweisen, die uns an uns selbst stören und die wir trotz Bemühungen nicht verändern können, haben oft unbewusste Ursachen.

Nehmen wir uns zunächst der Gruppe an, die pünktlich 2 bis 5 Minuten zu spät kommt. Ein ziemlich gutes Zeitmanagement, immer verlässlich ein paar Minuten nach der vereinbarten Zeit zu erscheinen, oder? Es liegt also auf der Hand, dass das mit chaotischem Zeitmanagement nichts zu tun hat oder? Was hält dann diese Person davon ab, 3 Minuten eher loszufahren? Es muss also eine wichtige innere Bedeutung haben. Welche wichtige Bedeutung könnten 3 Minuten Zeitverspätung haben?

Meine Erfahrung als Coach zeigt mir, dass dahinter meistens das Bedürfnis nach Autonomie steht. Sich herausnehmen, ein paar Minuten später zu erscheinen signalisiert und beweist Unabhängigkeit und ist eine kleine „Rebellion“ gegen Fremdverplanung, der man vorher selbst zugestimmt hat. Diese Personen mögen es nicht, dass andere ihnen vorschreiben, wann genau sie was zu tun haben. Sie wollen es selbst entscheiden! Sie wollen flexibel bleiben und frei sein und sich nicht eingegrenzt fühlen.

So beginnt also kurz vor dem Termin die unbewusste Selbstmanipulation. Die innere Stimme, die zum Aufhören ermahnt, wird ignoriert. Plötzlich „müssen“ sie noch unbedingt einen Anruf erledigen oder eine Mail beantworten. Oft ist es sogar so, dass es der betreffenden Person sehr gut möglich wäre, 2 Minuten eher loszufahren. Doch genau dann fällt der Blick dann doch noch einmal auf die Mail, die gerade hereingekommen ist oder das Telefonat, was noch kurz zu erledigen wäre. Oder man trödelt noch ein wenig herum, es wird knapp mit der Zeit und so eben schafft „man“ es noch pünktlich.

Oft sind diese „Zuspätkommer“ auch Personen, die keine Zeit verschwenden möchten. Sie verplanen auch die letzte Minute noch mit etwas für SIE NÜTZLICHEM, um keine Wartezeit zu haben und nehmen dann die 2 bis 3 Minuten Verspätung dafür in Kauf. Manche Menschen sagen dazu schlau, manche Menschen sagen dazu egoistisch, auf jeden Fall hat es mit chaotischem Zeitmanagement nichts zu tun. Typische Ausreden: „Ich hab halt immer so viel zu tun momentan“, „Da kam noch ein Anruf“, „Wurde noch aufgehalten“, „Immer auf den letzten Drücker“ oder „Immer dieser Stau“.

Dann gibt es noch die Gruppe der Personen, die generell 15 bis 30 Minuten zu spät kommen. Diese Menschen haben ein Geltungs- oder Statusproblem. Sie brauchen ihren Auftritt auf der Bühne und wollen sich von der Masse abheben. „Wer zu spät kommt hat die Macht“, „Wer zu spät kommt ist wichtig“, „Wer andere auf sich warten lässt unterstreicht seine Bedeutung“ oder „Wer das Privileg genießt, später zu kommen, ist kein Normalo“. Zur gleichen Gruppe gehören Menschen, die ständig kurzfristig Verabredungen absagen oder Meetings nach hinten schieben und Anwesenheit verlangen: „Andere haben sich nach MIR zu richten“.

Die dritte Gruppe von „Unpünktlichen“ erscheint immer deutlich vor der Zeit. Diese Menschen reisen teilweise sogar ewig vorher an, um alle ungeplanten Verspätungen 100% auszuschließen. Sie möchten nicht unangenehm oder durch Fehler auffallen und verabscheuen schon Verspätungen von 2 Minuten. „Bloß nichts vergessen“, „Keine Umstände machen“, „Nicht auffallen“, „Perfekt vorbereitet sein“, „Plan B parat haben“ oder „Fehlerquellen ausschließen“. Jede Verspätung bedeutet Stress für diese Personen – selbst dann, wenn es wirklich einen guten und nachvollziehbaren Grund dafür gab.

Es geht hier also nicht darum, ein besseres Zeitmanagement zu erlernen. Es geht vielmehr um den Blick auf sich selbst, auf die inneren Antreiber und Beweggründe. Das „Zuspätkommen“ ist die unbewusste beste Lösung für den Konflikt. Die innere gute Absicht wird damit befriedigt. Es wird demzufolge nicht so einfach sein, das unerwünschte Verhalten zu ändern, wenn der innere Konflikt weiterhin besteht.

Tatsache ist, dass es so etwas wie „Zeit“ eigentlich garnicht gibt. Es ist ein erfundenes Messinstrument für unsere innere Ordnung und die Ordnung in unserer heutigen Welt. Jeder Mensch hat tatsächlich ein anderes Zeitempfinden und reagiert anders auf Verspätung bzw. bewertet Verspätung anders. Es ist uns selbst überlassen, wie wir mit Verspätung umgehen wollen. Sicherlich ist das auch kontextgebunden und ortsabhängig. Sicherlich macht es Sinn, den eigenen Umgang damit einfach einmal zu reflektieren. Komme ich oft zu spät? Was habe ich davon? Stört mich das?

  • Habe ich Nachteile davon oder Vorteile?
  • Hilft es mir oder überwiegen die Nachteile?
  • Welchen inneren Konflikt sollte ich „heilen“?
  • Warte ich oft auf jemanden? Stört mich das?
  • Möchte ich in Zukunft daran etwas ändern?

Wichtig ist auf jeden Fall: Jammern bringt nichts – ändere etwas oder akzeptiere es!

Headerbild © Silkstock (Fotolia)
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Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

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