Rechthaber oder Besserwisser lassen keine andere Meinung gelten, außer ihrer eigenen!

Was steckt hinter Rechthaberei?

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 21 Januar 2015

Kennst Du sie auch, die Rechthaber oder Besserwisser? Menschen, die keine andere Meinung, Tatsache oder Wahrheit außer ihrer eigenen gelten lassen. Ganz nach dem Motto: „Es kann nur eine Wahrheit geben und das ist meine!“ Der Umgang mit solchen Menschen kann unangenehm, anstrengend und belastend werden.

Rechthaber wissen oft viel, halten sich für klug und intelligent, doch leider sind sie emotional unintelligent und wenig lebensklug. Sie spüren nicht, wie stark sie sich selbst innerlich begrenzen und ihr Wachstum hemmen, da sie nur ihre einen Sichtweise gelten lassen und sich gegen jegliche neue Erfahrung oder Selbstreflektion sperren. Sie werden ihr eigenes Gewässer nie verlassen oder beleben. Irgendwann beginnt es dort zu modern.

Was ist ein Rechthaber oder Besserwisser eigentlich ganz genau?

Es ist jemand, der nicht nur alles zu wissen glaubt und „unfehlbar“ ist, sondern auch jemand, der anderen sein Wissen oder seine Wahrheit unbedingt auf unmissverständliche Art vermitteln muss. Oft werden andere dadurch bloßgestellt oder klein gemacht. Jede andere Meinung, die sich von der eigenen unterscheidet, wird unschädlich gemacht, übergangen, durch Beweise oder scharfe Gegenargumente abgeschmettert. Selbst, wenn jemand anders interessante Argumente vorbringt oder Recht haben könnte, wird die Bedrohung direkt im Anflug schon ausgeschaltet. Neue Ansätze kann ein Besserwisser nicht annehmen, da das ja eine Bestätigung dafür wäre, das ein anderer Mensch mehr weiß als er („das wusste ich schon“).

Was steckt hinter diesem Verhalten?

Besserwisser haben tief im Innersten häufig ein geringes Selbstwertgefühl und Minderwertigkeitskomplexe. Dieses Gefühl wird verdrängt und ist manchmal nur noch unbewusst vorhanden. Daraus resultiert aber der Drang, sich beweisen zu müssen, perfekt zu sein, keine Fehler zu haben, besser zu sein als andere Menschen oder die Macht zu demonstrieren. Es ist wie eine schützende starre Mauer, durch die niemand kommen darf, weil dahinter eine zarte und zerbrechliche Seele ist. Recht haben bringt Selbstbestätigung: Ich erhebe mich über die andere Person, bin in diesem Moment gewachsen. Leider hält dieses Gefühl nicht lange an und ich muss es ständig neu erzeugen. Ebenso freut sich das Ego, wenn ich einem anderen Menschen sein Leben erklärt habe.

Ich habe ihm den richtigen Weg aufgezeigt, belehrt und auf Fehler hingewiesen… ich habe die Schwachstelle gefunden! Wieder eine Bestätigung… ich habe Macht demonstriert. Wow!!!!! Und so ist der Besserwisser immer wieder abhängig von dieser Erfahrung. Wir können uns also aus dem Kopf schlagen, einen Besserwisser zu verändern, zu heilen oder zu überzeugen. Wir können nur UNSER Verhalten darauf abstimmen und uns schützen. Was kannst Du tun? Kontern: halte dagegen mit Fakten, Fragen und guten, wasserdichten Argumenten. Manchmal hilft auch Ironie, Sarkasmus oder Humor. Wichtig: Kontern ist anstrengend und schürt das Feuer. Bleibe sachlich und ruhig. Gute Fragen sind z.B.:

  • Wie kommst Du darauf?
  • Warum bist Du da so sicher?
  • Welche persönlichen Erfahrungen kannst Du mir nennen?
  • Kannst Du mir das noch einmal genau aufschlüsseln?
  • Hast du ein konkretes Beispiel?
  • Woher weißt du das?

Spiegeln: Spreche den Besserwisser auf sein Verhalten freundlich und direkt an. Gebe ihm zu verstehen, dass Du Deine Entscheidungen gut alleine treffen kannst und keine Hinweise, Korrekturen, Kommentare oder Ratschläge benötigst. Dazu solltest Du sehr überzeugend, entschlossen und ruhig kommunizieren und evtl. mir lauter Stimme diesen Hinweis wiederholen, falls er ignoriert wird. Wichtig: lasse Dich nicht provozieren oder aus der Reserve locken, denn der Besserwisser kann mit Ablehnung nicht gut umgehen.

Ignorieren: Das wirksamste Mittel ist Kontern durch Gelassenheit. Stelle Dir vor, Du bist gelassen wie ein großer sitzender Buddha, der über diesen Dingen steht und lächelt. Du hast es weder nötig zu streiten, noch, Dich zu rechtfertigen oder Sieger zu sein. Nimm das alles nicht so ernst und schon gar nicht persönlich.

Entweder überhörst Du die Kommentare oder Du antwortest mit: „Ja, Du hast recht“, „Ach, ist das so?“ „Mag sein“ oder „Ist ja wirklich interessant“.

Lasse dem Rechthaber seine Meinung, lächle in Dich hinein, wechsle das Thema oder mache einfach weiter mit dem, was Du vorher gemacht hast. Wenn er nicht aufhört, verlässt Du den Raum oder beendest das Gespräch am Telefon ganz ruhig. Je nachdem, in welchem Kontext Du einem Rechthaber begegnest, ist die eine oder andere Strategie besser oder schlechter geeignet. Wichtig für Dich ist ganz allgemein: Die Person gibt eine Visitenkarte über sich selbst ab… mit Dir hat das nichts zu tun. Fühle Dich nicht angegriffen, sondern bleibe entspannt und innerlich distanziert.

Wenn Du spürst, dass Du Tendenzen zur Rechthaberei hast, beginne Dich zu erforschen:

Was bringt mir das?
Wie lange hält das Gefühl von Bestätigung?
Warum dürfen andere Menschen keine „Fehler“ machen?
Was ist so schlimm daran, andere Meinungen gelten zu lassen?
Wann verspüre ich besonders den Drang, jemand anders zurechtzuweisen oder seine Fehler zu suchen?
Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: wie stehe ich zu mir außerhalb dieser Mauer?
Was könnte ich persönlich gewinnen durch eine Öffnung der Mauer?
Was passiert, wenn ich diesen inneren Impuls zurückhalte?
Mit welchen kleinen Schritten könnte ich beginnen?
Wer könnte mir dabei helfen?

Du kannst dann natürlich immer noch vollkommen frei entscheiden, ob Du ein Besserwisser bleiben möchtest oder nicht …

Headerbild © Rob Hyrons (Fotolia)
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Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

Kommentare

  1. Menschen, die Sie beschreiben, können verdammt gefährlich werden, insbesondere wenn sie schwerwiegende Entscheidungen treffen, wenn sie Macht über andere haben oder auch, wenn sie überreagieren. Die Meinung dieser Rechthaber stehen zu lassen, kann auch gefährlich sein, insbesondere, wenn die Öffentlichkeit dies wahrnimmt.

  2. Hallo, da muss ich leider auch direkt mal klugscheißern: es heißt „sprich“ und nicht „spreche“ (du sprechest?) sowie „gib“ und nicht „gebe“ (du gebest?). 😉 Nur ein gut gemeinter Hinweis für die Professionalität …

  3. Ihre Beschreibung kann ich voll und ganz bestätigen. Ich war selber 25 Jahre mit meiner Exfrau zusammen, davon 18 Jahre verheiratet. Sie war eigentlich ein tolle Frau mit vielen Qualitäten. Aber genau ihre eigenen Schwächen im Selbstwertgefühl haben über die Jahre immer wieder zu Rechthaberei und Streitigkeiten geführt, in der Partnerschaft, aber auch in Beziehungen zur Ihrer Mutter, anderen Familienmitgliedern und Bekannten. Für mich aus meinem positiven Selbstwertgefühl heraus, war das nie weiter tragisch. Bei ihr kam es aufgrund fehlender Bestätigung, anderer Meinungen und ignorieren von Tatsachen immer wieder dazu das ein Teil Ihrer Liebe zu mir gestorben ist, oder das sie wütend auf andere wurde und auf Abstand gegangen ist. Sie hat sich von mir Scheiden lassen, trotz überwiegender Gemeinsamkeiten und obwohl ich sie unterstütz habe und wir uns eben nicht im klassischen Sinne auseinander gelebt hatten. Ich habe einige Monate gebraucht um die ganze Problematik rund um das Selbstwertgefühl zu verstehen. Allerdings dank der Selbsthilfe-Ratgeber von Dr. Rolf Merkel und Nathaniel Branden kann man es nun prima verstehen und deutlich besser damit umgehen.

  4. Ich spüre sehr viel Wut auf sogenannte „Besserwisser“ in diesem Text. Wut ist aber für mich kein guter Ratgeber. Ich hatte mich zum Lesen dieser Seite entschieden, um meine Wut auf Rechthaber und aber auch auf mein eigenes Rechthaben wollen zu erforschen. Da ich gespürt habe, dass genau diese Wut mich eher tiefer in die Sackgasse bringt, möchte ich nach Wegen suchen, gelassener damit zu werden. Der Weg des Konterns mit guten Argumenten, Sarkasmus und Ironie gehören für mich leider nicht zu Gelassenheit. Es spiegelt viel mehr die eigene Rechthaberei und Wut diesem Thema gegenüber.

  5. Ich persönlich finde das „besserwisser“ alles verkörpern was ich hasse, aber Ihr Unterhaltungswert ist hoch. Vorallem wenn ihr Konzept plötzlich zusammen bricht. Das ist schadenfreude zum Finger ablecken.

    Einfacher Rat für alle die hier lesen:
    Gelassenheit, Schadenfreude, Sarkasmus & Ironie sind hier der Schlüssel.

  6. Mal ehrlich: Welcher Rechthaber hat schon Argumente oder Beweise? Zu 99% endet doch bei solchen Leute jede Diskussion mit Killerphrasen als „Blödsinn“, „lass mich mit dem Scheiß in Ruhe!“, „Ach, sei ruhig“ oder noch besser, Beleidigungen wie „Dumme Kuh!“, „Arrogante Ziege!“, „Klugscheisserchen“ und Ähnlichem. Die Leute die mir im Leben bisher begegnet sind, die auch wirkliche Argumente hatten oder sich überhaupt auf eine vernünftige Diskussion mit konstruktiver Kritik einlassen konnten, sind der Zahl 3.
    DREI. Das ist das armselige.

    Die letzte Diskussion mit einem verkappten Besserwisser ist Einen Tag her und es endete, wie es begann: „Blödsinn“ war das einzige Argument das mein Gegenüber hatte, als es um Bindungstheorie (Diade, Triade, Wiederannäherungskrise usw) ging. Ich hatte wenigstens noch Argumente die gegen einen Besuch der Kita bei unter 3 Jährigen sprechen, mein Gegenüber nur „Blödsinn“! Was mich wirklich fuchsig macht, denn sowas.

    Mal ehrlich: eine gut geführte Diskussion, der Austausch von Argumenten usw, das ist schön. Mein Gehirn liebt das. Leider bin ich hier von engstirnigen Egoisten umgeben.

    „Nerv mich nicht mit Fakten, ich habe eine Meinung!“
    *genervt bin*

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