Durch Verzeihen, Loslassen und Vergeben das Leben leichter gestalten!

Mehr als verzeihen

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 19 November 2018

Gestern habe ich eine interessante Indianische Weisheit gelesen:

»Das Kriegsbeil ist erst begraben, wenn man nicht mehr weiß, wo es liegt!«

Hat Dich jemand verletzt in diesem Jahr? Gibt es Erfahrungen mit Verletzungen, die bei Dir immer noch ein negatives Gefühl hervorrufen? Wir kommen im Laufe unseres Lebens in viele Situationen, in denen wir uns von anderen Menschen sehr verletzt fühlen. Das Leben lässt sich davon jedoch nicht beirren, es bleibt nicht stehen, es geht weiter. Wir verdrängen diese Themen oder lenken uns ab. Manche Menschen tragen auch dauerhaft Groll, Ärger oder Wut mit sich herum. Oft ist es so, dass nach einiger Zeit irgendeine neue Haut über diese Wunden gewachsen ist, doch die Wunde darunter ist nicht verheilt.

Ich glaube, es ist sehr hilfreich, wenn man die Fähigkeit besitzt, Geschehenes wirklich verheilen zu lassen, ohne, dass wir immer wieder die Wunden aufreißen. Doch wie kann man richtiges Verzeihen und Loslassen von den negativen Verletzungen lernen? Die Zeit heilt alle Wunden! Ist das so? Das stimmt nicht unbedingt. Heilung und Verzeihen ist ein aktiver Prozess, in dem unser „MITTUN“ gefragt ist. Es ist ein Prozess, in dem wir uns wirklich mit der Verletzung auseinandersetzen – wir stellen uns dem Schmerz, der Leere, dem Verlust, ohne diese Gefühle zu betäuben oder sie zu verdrängen. Wenn wir die Wunde einfach sich selbst überlassen oder schnell eine dicke luftdichte Creme darüber streichen, heilt die Zeit nicht, sondern überdeckt nur. Darunter modert die alte Wunde fleißig weiter.

Wir schaden und verwunden uns selbst am meisten, wenn wir nicht wirklich verzeihen, sondern es nur oberflächlich vorgeben. Wir gehen schnell zur Tagesordnung über, als sei nichts geschehen. Ebenso zerstören wir uns, wenn wir innerlich immer noch festhalten an den Geschehnissen und nicht loslassen. Wir sind nicht in der Lage, uns wieder frei zu bewegen und neue Erfahr- ungen zu machen, neue, glückliche Gefühle zu erleben. Es ist so, als würde uns ein dunkler Schatten begleiten, der unser Leben verdunkelt und von uns Besitz ergriffen hat. Das geschieht auch dann, wenn wir uns selbst nicht verzeihen, wenn wir einen Fehler begangen haben.

Wir haften wie ein Magnet negativ an der Vergangenheit und sind nicht frei für das Leben. Die Angst vor erneuter Verletzung hindert uns daran, erfüllende menschliche Beziehungen zu erleben. Eine Verletzung stört uns manchmal für immer dabei, eine wertvolle Beziehung zu entwickeln. Wir übertragen das alte negative Gefühl in jede neue Situation. Wirklich verzeihen können, bedeutet, danach auch wirklich loszulassen. Das gelingt nur Menschen, die innere Stärke und Bereitschaft dazu besitzen. Men- schen die innerlich schwach sind, suchen Bedeutung, Stabilität und Vergeltung im Nachtragen. Sicherlich kannst Du Dich an Situationen erinnern, in denen Du Dir gewünscht hast, dass Dir jemand wirklich verzeiht.

Was geschieht, wenn wir nicht vergeben? Wir beschäftigen uns in Gedanken damit, dem Anderen Schuld zuzuweisen, ihm sein Verhalten nachzutragen. Wir landen immer wieder an dem gleichen schmerzhaften Punkt und leiden wieder neu. Es kommen Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Hass, Rache oder Widerstand auf. Wir produzieren immer wieder negative Gefühle, geraten aus dem inneren Gleichgewicht und können sogar krank dadurch werden. Jeder negative Gedanke erzeugt auch negative Energie im Körper. Die Folgen davon können sich langfristig in Mattigkeit, Depression, Muskelverspannungen, Schmerzen, Anspannung, Allergien, Migräne, Entzündungen, Bluthochdruck, Magenschmerzen oder Schlafstörungen äußern.

Doch warum fällt es uns so schwer, loszulassen und zu verzeihen? Unser Verstand möchte einen angemessenen Ausgleich, er möchte die Verletzung rückgängig machen, er möchte Aufmerksamkeit oder er will Vergeltung. Er ist der Meinung, dass Verletz- ungen nicht passieren dürfen. Er kreist immer wieder um die „warum“ Frage: Warum ist das passiert? Wie konnte Person X mir nur so etwas antun? Der Verstand bekräftigt die Schwere seiner Verletzung durch Leid. Zusätzlich halten wir daran fest, dass unser Maßstab von „richtig und normal“ das Maß aller Menschen sein muss. Verfehlungen verurteilen wir als bösartig oder falsch.

Andere Lebenskonzepte, Verhaltensweisen oder Überzeugungen lassen wir nicht gleichberechtigt stehen oder wir fühlen uns dadurch persönlich angegriffen. Wir verirren uns in unseren Erwartungen und gehen davon aus, dass alle Menschen um uns herum diese erfüllen müssen. Damit sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Viele Menschen verletzen uns nicht absichtlich aus Bösartigkeit, sondern aus eigenem Unvermögen oder eigener begrenzter Sichtweise bzw. Unbewusstheit. Oder sie haben ganz einfach eine andere Sichtweise auf die Dinge. Du kannst die Falle der Enttäuschungen verlassen.

Wenn es Dir schwer fällt, loszulassen, dann frage Dich:

• Welche Erwartungen wurden enttäuscht? Welche Erwartungen sollte ich loslassen?
• Welche Hoffnung wurde zerstört? Woran hatte ich mich geklammert?
• Erinnere ich mich an ähnliche Themen?
• Was wollte ich nicht erkennen? Welche Wahrheit kann ich nicht ertragen?
• Warum kann ich nicht vergessen, nicht loslassen?
• Was ist es, das mich an meinem Leid festhalten lässt?
• Was könnte der Nutzen sein, dass ich nicht wirklich loslassen will?
• Welche Leere oder welches Gefühl der Minderwertigkeit kompensiert meine Wut?
• Ist es das wert?
• Was könnte ich gewinnen, wenn mir das Loslassen gelingt?
• Wovor habe ich Angst, wenn der Schmerz überwunden ist?
• Ist es fair, dass meine Meinung als „Realität“ gilt?
• Kann ich die Toleranz erreichen, dass Menschen in meinem Umfeld ihre eigene „Landkarte“ von der Welt haben dürfen und nur „anders“, aber nicht „falsch“ sind?

Du arbeitest „mit“ der Wunde und nicht dagegen. Du heilst Dich selbst. Deine Aufmerksamkeit richtet sich auf Dich und nicht auf Dein Gegenüber. Höre auf, Dich durch Hass oder Groll doppelt zu bestrafen. Loslassen bringt Dir Deine Lebensfreude zurück…

Meine heutige Inspiration als PDF zum Ausdrucken
Bild © Choat / Fotolia #156508583

Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

Kommentare

  1. Nachdem mein Mann im Mai 2017 mit 55 Jahren plötzlich an einem Herzinfarkt starb, haben sich nach und nach viele vermeintlich gute Freunde und Bekannte zurückgezogen, melden sich nicht mehr. Es war sehr schwer für mich… gerade in Zeiten, wo man Hilfe, Unterstützung, Menschen,die zuhören braucht,ist niemand da. Ich hatte und habe damit grosse Probleme, bin enttäuscht, verstand die Welt nicht mehr in meinem Schmerz.
    Nach 30 Jahren voller Liebe Glück Vertrauen steht man ganz alleine. Anfangs war es Enttäuschung, bald Wut, manchmal Hass, Bitterkeit. Irgendwann habe ich diese Gefühle nicht mehr ertragen können, die machten mich Krank, böse, zu einem Menschen, der ich nie war. Ich begann, Verständnis zu suchen… für diejenigen, die nicht wissen können, was der Tod des Liebsten Menschen mit einem macht. Woher auch? Ihr Leben geht weiter, Alltag, Normalität… bis auch sie irgendwann einmal ein Schicksalsschlag trifft. Dann, erst dann, wissen sie,
    wie es ist… der Alptraum, Horror, Einsamkeit Leere Sehnsucht…
    Ich bin dabei, Frieden zu schließen, in erster Linie für mich…kann und will mit diesem negativen Seelenmüll nicht leben. Es macht krank und ich ändere dadurch nicht mein Gegenüber. Also mache ich erste Schritte, gehe auf die anderen zu. Es ist nicht eine Art von verzeihen, es ist ein Weg, inneren Frieden auch mit sich selbst zu finden, Ruhe, der Versuch, das Schicksal anzunehmen, welches wir nicht ändern können… und vielleicht auch zu lernen, sich selbst wieder wahrzunehmen, vielleicht auch, sich selbst zu lieben. Es könnte (m)ein Weg sein. ..bis wir unsere Lieben Wiedersehen, irgendwann, irgendwo…am Ende des Regenbogens…
    Das könnte ein guter Weg werden, auch wenn er noch holprig ist,

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