Besser loslassen lernen!

Endlich Loslassen

von Brigitta C. Kemner
Veröffentlicht am 21 Februar 2019

„Stärke verdeutlicht sich nicht durch Festhalten, es ist oft das Loslassen, das wahre Stärke zeigt“

Das Loslassen lernen, ist eine der wichtigsten Lektionen unseres Lebens. Sicherlich hast auch Du von Freunden oder Deiner Familie schon einmal den guten Rat bekommen „Du musst loslassen!“ In vielen klugen Zeitschriften findest Du einen ähnlichen Tipp: „Lassen Sie los“. Doch wir alle wissen, dass das gar nicht so einfach ist.

Wie geht „Loslassen“ eigentlich und warum fällt uns das so schwer?
Was können wir tun, um Loslassen zu lernen?

Wenn ich an das Gegenteil von „Loslassen“ denke, fällt mir immer wieder mein Hund ein, der mit aller Kraft sein Lieblings- kuscheltier festhält und verteidigt, wenn es ihm jemand aus dem Maul nehmen möchte. Er konzentriert sich, vergräbt seine Zähne tief darin, spannt alle Muskeln an und zerrt in die Gegenrichtung. Manche Menschen können überhaupt nicht loslassen und sammeln immer mehr emotionalen und gedanklichen Ballast in ihrem Innern an. Das schadet ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit und blockiert Energie.

Jedem Menschen fällt Loslassen schwer. Das liegt in der Natur unseres Verstandes. Unser Verstand möchte, dass sich seine Vorstellungen erfüllen und nichts verloren geht. Er bezeichnet Menschen, Gewohnheiten, Umstände oder Planungen als sein Eigentum. Genauso verabscheut oder fürchtet er Leere, Ungewissheit und Schmerz und weicht ihnen aus. Je näher wir im Innersten berührt oder involviert sind, desto schwerer tun wir uns. Und das geschieht auch dann, wenn der Kopf genau weiß, dass etwas vorbei ist oder es keinen Sinn mehr macht.

Wo tun wir uns besonders schwer im Loslassen?

Wir verharren…
in Trauer um einen Verstorbenen
in Problemen aus Angst vor Leere
in der Opferrolle oder anderen Rollen
in Denkmustern oder Einstellungen, die schaden
in einer Partnerschaft, die uns nicht glücklich macht
im Gefühl des „Verletztseins“, „Verlassenseins“ oder in Enttäuschung
im Trennungsschmerz, im Verlust einer Beziehung, im Gefühl der Einsamkeit
an einem Arbeitsplatz, der uns langweilt, krank macht, über- oder unterfordert
in alten Bildern, falschen Realitäten (als die Kinder noch klein waren)
in einem Konflikt, weil wir Angst vor der Lösung haben
in einer Umgebung, in der wir uns nicht wohl fühlen
in Illusionen oder Verdrängungsmustern
in Ängsten, denen wir uns nicht stellen
im Hadern mit der Vergangenheit
im Hadern mit einer Krankheit
in Erwartungen an andere
in Schuldgefühlen

Typische Gedanken dazu sind Gedanken wie „warum?“ oder „wieso?“. Wir kreisen immer wieder um die Situation oder das Thema, an der wir haften. Es ist wie ein Kaugummi, auf dem wir endlos kauen und es nicht herunterschlucken können. Sicherlich hast Du schon einmal erfahren, welche Auswirkungen der Zustand des „NICHT-LOSLASSENS“ langfristig hat:

Häufige Symptome sind Grübeln und ständiger gedanklicher Lärm, Konzentrationsprobleme, Druck, Stress oder Anspannung. Wir fühlen uns unzufrieden, traurig, verzweifelt, voller Wut oder Angst und schlimmstenfalls depressiv oder voller Hass. Die Energie ist blockiert und der Körper reagiert mit Schmerzen, Immunschwäche oder Gewichtsproblemen.

Was bedeutet Loslassen?

Wer loslassen kann, kann die Situation, die eigetreten ist ohne Widerstand annehmen. Man könnte vielleicht auch sagen, dass es eine Form der förderlichen Anpassung an ein Ereignis ist, unabhängig davon, ob es unseren Vorstellungen oder Wünschen entspricht oder vielleicht sogar großen Schmerz verursacht. Wir machen Frieden mit dem Unabänderlichen und konzentrieren uns auf das Mögliche.

Manchmal ist Loslassen die größte und schwerste Herausforderung, vor die uns das Leben stellen kann. Es bedeutet, sich beispielsweise von einer alten Lebensplanung zu verabschieden, eine Verletzung zu verzeihen, einen Menschen ziehen zu lassen oder eine entscheidende Veränderung anzunehmen. Es bedeutet ebenso, sich aktiv von Menschen zu lösen, die unseren Lebensweg nicht mitgehen können, obwohl wir sie lieben oder eine Entscheidung zu treffen, die unsere Werte und Bedürfnisse beschützt. Manchmal kann es auch bedeuten, den Kampf aufzugeben, den wir nicht gewinnen können.

In jedem Falle beinhaltet der Prozess des Loslassens schonungslose Akzeptanz und Annahme dessen, was wirklich ist, Anpassung an die Gesetze des Lebens, fernab von unseren Vorstellungen und „sich frei machen“ von dem, was unseren Lebensfluss blockiert. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nach vorne aus und integrieren das, was HIER und JETZT vorhanden ist. Wir hadern nicht, wir stoppen unsere Gedankenkreise, blicken nicht vorwurfsvoll zurück oder leiden immer wieder aufgrund der Situation, die wir gerne anders hätten.

Wir entscheiden uns, dass jetzt ein neuer Abschnitt beginnt, auch, wenn das, was passiert ist noch so schmerzhaft, erschütternd, verletzend und unvorhersehbar war. Es liegt die Entscheidung zugrunde, nicht mehr leiden zu wollen und eine Lösung zu finden. Wir nehmen den Druck heraus, diese Lösung, Linderung und Heilung SOFORT finden zu müssen. Loslassen beinhaltet weder Niederlage noch Aufgabe. Es bedeutet lediglich, dass wir weise sind und die Erkenntnis haben, dass und die Anhaftung nur weiterhin Leid bescheren wird: Hingabe an das Leben.

Was kannst Du tun?

Wenn Du loslassen möchtest, kannst du das jederzeit durch Deine bewusste Entscheidung tun. Stoppe die Gedanken, die Dich wieder in die alte Grübelei bringen. Spüre alle negativen Gefühle, die kommen, einfach als Energie. Atme in diese Gefühle hinein- sie werden wie eine Welle kommen und gehen. Dein Kopf wird Dich zunächst immer wieder überlisten wollen und versuchen, Dich einzuholen mit seinen Gedanken. Wenn Du Dich wieder dabei erwischt, stoppe Deine Gedanken liebevoll, aber bestimmt. Es werden zunächst weiterhin ungute Gefühle kommen und dich schmerzen. Akzeptiere diese Gefühle und lasse sie zu. Nimm Deinen Schmerz an, aber mache ihn nicht mehr schlimmer durch weitere Gedanken und Vorstellungen.

Ersetze nicht sofort die Lücke, die entsteht. Lass die Leere zu und nutze sie als wichtigen Lehrer, Dir selbst ganz nahe zu kom- men. Begegne der Dunkelheit in Dir anstatt woanders im Außen nach Licht zu suchen. Loslassen ist ein Prozess: Du löst etwas Altes ab, schaffst Leere und Raum und lässt aus dieser Leere nach und nach eine ureigene und natürliche Fülle entstehen. Vergleiche es mit einem Strauch, der zunächst als Knospe aus dem Boden wächst und sich schrittweise entfaltet. Er wächst nicht schneller, wenn Du daran ziehst. Verdrängung ist keine Abkürzung für den Prozess des Loslassens.

Kurz gesagt:
1) Hingabe: Die Situation vollkommen annehmen, den Widerstand aufgeben
2) Die Konsequenzen akzeptieren, die Vorwürfe oder Aggressionen fallenlassen
3) Den Schmerz und die Verletzung dazu annehmen und akzeptieren
4) Den Drang der Gedanken beobachten, ihm aber nicht nachgeben: Im JETZT bleiben
5) Unangenehme Gefühle, Ängste und Leere spüren und kampflos zulassen und wieder loslassen (das ist etwas anderes, als sie zu verdrängen oder zu flüchten)
6) Den Prozess akzeptieren: es dauert so lange, wie es dauert! Du wirst zu Beginn eventuell häufig Schritte 1-6 wiederholen müssen.

Meine heutige Inspiration als PDF zum Ausdrucken
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Brigitta C. Kemner

Eine gute Bedürfnisbalance sowie innere Stabilität und Gesundheit sind die wichtigste Basis für stabile Leistungen in einem anspruchsvollen Berufsalltag. Sie können mich als Katalysator, Förderer, Impulsgeber, Erwecker, Berater, Lehrer, Begleiter und Trainer nutzen. Als Expertin für das Thema Leistungskraft und Leadership liegen meine Schwerpunkte in allen Themen, die unser „Menschsein“ betreffen ...

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